Wie geht die Reise wohin? Zukunft von Landleben und Mobilität

Am 29. März 2017 hatten der Altkreis Osterode sowie der Kreisverband Göttingen von B90/GRÜNE zu einer Veranstaltung „Mobilitätskonzepte für den Ländliche Raum: Wie geht die Reise wohin? Zukunft von Landleben und Mobilität“ in die Stadthalle Osterode eingeladen.

Von links: Michael Frömming, Geschäftsführer ZVSN,
Steffen Hess, Projektleiter „Digitale Dörfer“, Fraunhofer Kaiserslautern
Viola von Cramon, Moderation,
Burkhard Breme, Initiative „Höchste Eisenbahn für den Südharz“,
Dr. Reiner Schenk, Ratsmitglied Bad Lauterberg B90/GRÜNE

Die Referenten näherten sich dem Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Michael Frömming, seit dem 1.1.2017 für den Zweckverband Verkehrsverbund Südniedersachsen Geschäftsführer strich in seinem Eingangsstatement vor allem die folgenden Punkte heraus:

  • Neue Verkehrswege und Ansätze statt weiterhin Priorisierung des eigenen PKWs und Zersiedelung der Landschaft durch falsche Anreize
  • Neue Mobilitätskultur
  • Flexible Angebote: Weniger leere große Busse zu unattraktiven Zeiten, dafür mehr nutzerorientierte Systeme in kleinen Einheiten, auf nachfragestarken Verbindungen wie z.B. Duderstadt – Göttingen – mit Schnellbussen Angebote für die Pendler*innen schaffen
  • Attraktivere Tarifstruktur
  • Ein deutlich verbessertes Marketing – weg vom klassischen Alltagsverkehr und hin zum Mobilitätsdienstleister.

Burkhard Breme von der Initiative„Höchste Eisenbahn für den Südharz“ berichtete zunächst von der 20-jährigen Geschichte seiner Initiative – wie man seit 1997 versucht hat, die Kräfte im Südharz auch über die ehemalige Grenze hinweg zu bündeln.

Die nächsten Dinge, die sie mit der Initiative angegangen seien, betrafen vor allem die Fahrplanoptimierung – also die Umstiegssituation an den Knotenpunkten. Es sei zunächst extrem schwierig gewesen, die richtigen Verantwortlichen vor allem bei der Bahn zu identifizieren. Das sei nach 20 Jahren Engagement allerdings anders. Mittlerweile sei die Initiative bekannt und geschätzt. Die Vorschläge und Stellungnahmen würden ernst genommen und sie werden regelmäßig auch zu Beratungen herangezogen. Auf einem guten Wege sei man beim baulichen Zustand der Züge und zunehmend auch bei der Pünktlichkeit.

Deutliche Kritik äußerte Burkhard Breme vor allem an der unübersichtlichen und unattraktiven Tarifstruktur. Es lägen seit längerem konkrete Vorschläge vor – bezogen auf das Gebiet des ZVSN – diese müssten nur noch umgesetzt werden. Die aktuelle Situation sei ein Hinderungsgrund für Pendler auf ÖPNV umzusteigen und wirke sich nachteilig im Tourismus aus, da in vergleichbaren Tourismusregionen bereits mit einheitlichen Tickets gearbeitet werde.

Steffen Hess Projektleiter „Digitale Dörfer“ vom Fraunhofer-Institut Kaiserslautern erläuterte das Projekt der „Digitalen Dörfer“ https://www.digitale-doerfer.de/ , welches in Rheinland-Pfalz und Bayern versuchsweise die Menschen im Ländlichen Raum in Privathaushalten und Unternehmen mit digitaler Unterstützung bei Mobilität und Einkäufen oder in anderen Alltagsfragen unterstützt. Wichtig ist aus seiner Sicht neben des digitalen Angebots auch ein „Kümmerer“, der sowohl im Digitalen Raum als auch vor Ort im Dorf die Dinge betreut und koordiniert. Es sei dazu wichtig, die richtigen Anreize zu geben, damit die Menschen interessiert seien und sich beteiligen, obwohl sie anfangs skeptisch seien.

Zudem müsse sich in der digitalen Darstellung die reale Wirklichkeit gut wiederfinden. Eine Abbildung möglichst nahe an der eigenen Lebenswirklichkeit sei entscheidend. Das gelte auch für die Mobilitäts-App. Reine Regionale Apps seien nicht hilfreich. Vielmehr müssten man allgemein bundes- oder europaweite Mobilitäts-Apps so regionalisieren, dass sie ein individuelles Gefühl z.B. vom Harz vermitteln, aber über eine zentrale Plattform gesteuert werden.

https://www.digitale-doerfer.de/unsere-loesungen/

Reiner Schenk, Ratsmitglied in Bad Lauterberg, OV Osterode von B90/GRÜNE betonte vor allem die Vorteile des Einsatzes von Rädern und Fahrradverkehr und das nicht nur im Stadtverkehr. Bei vielen Strecken könnte das Rad die anderen Verkehrsträger häufig deutlich beim Vergleich „von Haustür zu Haustür“ oder vom Start zum Ziel schlagen. Nur ein Drittel der Autofahrten seien berufsbedingt.

Häufig fehle die Initiative, sich auf Rad zu schwingen, was angesichts des allgemeinen Bewegungsmangel in der alternden Gesellschaft umso bedauerlicher sei. Dazu kommen Ängstlichkeit und Zurückhaltung kleinere Kinder allein aufs Rad zu setzen, um sie zur Schule und zum Kindergarten fahren zu lassen. Und das obwohl gerade in der Stadt immer mehr Straßen zu 30er-Zonen umgewidmet würden.

Wichtig seien allerdings gut markierte und tragfähige Fahrradwege bzw. eine verlässliche Infrastruktur für Radfahrer*innen insgesamt. Dazu gehörten nicht nur die sicheren und markierten Wege außer- und innerorts, sondern auch Abstellmöglichkeiten, die ein Anketten hochwertiger Räder ermögliche.

Zusammenfassend plädierte Reiner Schenk aus den folgenden Gründen dafür, das meist unterschätzte Verkehrsmittel stärker in den Blick zu nehmen:

  • Radfahren ist im Vergleich zum Zu-Fuß-Gehen 3 bis 6 mal schneller.
  • Der 5-10 minütigen Fußweg zu einer Haltestelle verkürzt sich auf unter 2 Minuten.
  • Entfernungen bis 3 oder sogar 5 km zur nächsten Bahn- oder Schnellbushaltestelle sind kein Problem
  • Sportliche Radfahrer schlagen praktisch jede Busverbindung (von Haus zu Haus), egal auf welcher Distanz
  • Mit Pedelecs und erst recht mit den schnellen E-Bikes sind Entfernungen bis 15 km in ca. 30 min zu schaffen.
  • Nicht zuletzt: Radfahren ist gesund. Radfahrer sind so fit wie Sportler, die regelmäßig im Verein trainieren. Schon bei 5 km Arbeitsweg (einfach) und gemütlichem Tempo kommen zweieinhalb Stunden Sport jede Woche zusammen.
  • Radfahren ist preiswert. Selbst ein teures Rad kostet weniger als ein Auto im halben Jahr.

Aus Sicht der Grünen Veranstalter*innen werden die einzelnen Fragen nun weiter und intensiver behandelt. Dazu gehören vor allem die konkreten Anbindungen von Osterode in den neuen Landkreis Göttingen, die Fragen der Radinfrastruktur und die Möglichkeit, das Rad auch im Ländlichen Raum stärker als Fortbewegungsmittel einzusetzen.

Zudem wird das Thema der digitalen Unterstützung in der Mobilität im Ländlichen Raum möglicherweise auch über ein Pilotprojekt zu diskutieren sein.

Die Veranstaltung war nicht nur sehr gut besucht, sondern wurde durch viele kompetente Fragen nach den Eingangsstatements vorangetrieben. Die Debatte insgesamt hat gezeigt, wie wichtig die längerfristige Behandlung der Mobilitätsthemen ist, um vor allem im Ländlichen Raum neue Verbindungen entstehen zu lassen.

Am Ende möchten wir nicht nur allen Zuhörer*innen für ihr Interesse und ihr Kommen danken, sondern vor allem auch bei denen danken, die uns mit ihrem Rat und ihrem fahrenden Elektro-Equipment“ vor der eigentlichen Debatte unterstützt haben. Dazu zählen: